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INTERVIEW: Bernd Wahler – Chairman von Hype Sports Innovation und ehemaliger Präsident des VfB Stuttgart

Egal ob Big Data, Video Analytics, Video Assistent Referee oder Hawk Eye. Die Digitalisierung ist im Fußball angekommen. Deshalb haben wir uns mit Bernd Wahler, einem echten Experten in diesem Gebiet getroffen, um die neuesten Entwicklungen zu bewerten. Er war bei den Global Playern Adidas und Nike in Führungspositionen, war Präsident des VfB Stuttgart und ist heute Chairman des größten Sports Tech Networks der Welt – Hype Sports Innovation. Was sind die neusten Trends und Herausforderungen der Digitalisierung? Und wo ordnet er Talento Today in diesem Prozess ein? All das erfahrt ihr, im folgenden Interview:

TT   Herr Wahler, Sie haben nach der Schule zunächst Gymnasiallehramt studiert. Wie kam es, dass Sie beruflich danach eine komplett andere Richtung eingeschlagen haben?

BW  Ja in der Tat ist es so, dass ich Gymnasiallehramt studiert habe, nämlich die Fächer Sport und Biologie. Jedoch gab es in meinem Abschlussjahr einen Einstellungsstopp vom Kultusministerium. Im Klartext hieß das: Wer nicht verheiratet war und keine Kinder hatte, bekam vorerst keinen Job. Deshalb habe ich mich nach anderen Dingen umgeschaut und dann BWL und internationales Marketing studiert.

TT   Was viele vielleicht nicht wissen: Bernd Wahler hat in jungen Jahren auch Fußball gespielt und war überdurchschnittlich talentiert. Bis zur B-Jugend waren Sie beim VfB Stuttgart: Hätten Sie gedacht, dass Sie eines Tages als Präsident des Vereins zurückkehren?

BW   (lacht) Definitiv nein. Das hätte ich sogar noch ein Jahr vorher nicht geglaubt. Es ist wahr, dass ich als Jugendlicher beim VfB gespielt habe. Fußball und Sport an sich waren einfach schon immer meine Leidenschaft, deshalb habe ich auch Sport studiert. Beim VfB hatte ich als Jugendspieler eine gute Zeit, jedoch muss man auch so fair sein und sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt einfach Bessere auf meiner Position gab, beispielsweise Hansi Müller, mit dem ich bis heute befreundet bin.

TT   Sie haben in der freien Wirtschaft eine sehr steile Karriere hingelegt: Sie waren bei Global Playern, wie Adidas und Nike, in leitenden Positionen tätig. Warum haben Sie sich auf das Abenteuer Fußball eingelassen und sind Präsident des VfB geworden?

BW   In der Retroperspektive muss man diese Zeit tatsächlich als Abenteuer bezeichnen (lacht). Für mich war das eine emotionale Entscheidung. Wie in der vorherigen Frage schon erwähnt, bin ich Fan des Vereins seit ich denken kann. Wenn sich so eine Möglichkeit ergibt, sagt man nicht nein. Was ich dann aber lernen musste, war, dass es vielleicht doch besser ist, Führungspositionen mit Menschen zu besetzen, die vielleicht nicht so nah dran sind am Verein. Ist aber natürlich auch ein Thema, das häufig heftig diskutiert wird. Die Fans fordern ja immer Leute, die einen Bezug zum Club haben.

Viele Vereine haben ja das Problem, dass die über 15 Jährigen mit dem Fußball aufhören. Ich bin mir sicher, dass Talento Today dieser Zielgruppe neue Motivation geben wird!

TT    Welchen Einfluss hat ein Vereinspräsident auf operative Entscheidungen?

BW Als Präsident war ich für das gesamte Geschäft verantwortlich. Daher kann man sich als Präsident auch nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn es sportlich nicht gut läuft. Ich hätte wahrscheinlich etwas näher an der Mannschaft sein sollen. Das Sportliche habe ich damals aber an sehr kompetente Leute übergeben. Das war zum einen Robin Dutt, der in seiner Karriere sein Fachwissen oftmals unter Beweis gestellt hat, sei es als Trainer oder beim DFB. Auch Fredi Bobic ist ein Topmann, was er gerade in Frankfurt eindrucksvoll unter Beweis stellt.  Trotzdem war ich Vereinspräsident und Vorstandvorsitzender der Fußballabteilung, quasi in Personalunion. Aus diesem Grund war ich auch direkt verantwortlich für die sportlichen Erfolge und Misserfolge der Mannschaft. Der Abstieg des VfB war für uns alle ein Schock und eine große Niederlage. Ich habe die Konsequenzen gezogen und bin zurückgetreten, weil ich den Fans und dem Verein einen Machtkampf ersparen wollte. Wie schon gesagt, ich bin VfB-Fan seit ich denken kann und werde es immer sein. Deshalb habe ich auch immer zum Wohle des Vereins gehandelt.

TT   Nach dem VfB folgte ein großer Cut. Jetzt sind Sie Chairman bei Hype Sports Innovation, dem größten Sports Tech Netzwerk der Welt. Wie kam es dazu, dass Sie in die Welt der Technologie eingetaucht sind?

BW   Schon als CMO (Chief Marketing Officer) bei Adidas bin ich mit den Bereichen Forschung und Entwicklung vertraut gewesen. Das Thema war mir also nicht fremd. Nach der Zeit beim VfB habe ich sehr viel über die Startup Nation Israel gelesen und mich packte die Neugier. Ich flog rüber und schaute mir die Entwicklungen vor Ort an. Schließlich habe ich dort die Gründer von Hype kennenglernt und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Bei Hype kann ich meine beiden großen Leidenschaften, Sport und Innovation, im wahrsten Sinne des Wortes leben. Ich bin jetzt seit zwei Jahren dabei und es macht großen Spaß!

TT    Die technologischen Innovationen unserer Zeit erreichen mittlerweile auch den Fußball: Das Hawk Eye hilft dem Schiedsrichter bei Entscheidungen, wie z.B. ob der Ball die Torlinie in vollem Umfang überquert hat oder nicht. Der VAR (Video Assistent Referee) nun auch gang und gäbe. Was sollte man Ihrer Meinung nach noch digitalisieren?

BW  Für mich stellt sich die Frage, was als Nächstes zu digitalisieren ist, erst gar nicht. Wenn es nach mir ginge, würde es „was digitalisieren wir nicht“ heißen. Das Hawk Eye ist weltweit unumstritten und auch der Videoassistent funktioniert im Großen und Ganzen bei richtiger Anwendung. Da sind wir auf einem guten Weg, wir müssen aber eventuell noch einmal klarere Regeln bei seinem Einsatz setzen und das Ganze etwas schneller machen. Im Fußball werden darüber hinaus extrem viele Daten gesammelt. Für mich ist es sehr wichtig, diese Daten zu digitalisieren und so zu übersetzen, dass sie beispielsweise dem Trainerteam sofort weiterhelfen.

TT   Wir sammeln, digitalisieren und machen die Daten von Jugendspieler für Scouts von Profivereinen nutzbar. Was halten Sie davon?

BW  Das geht genau in die Richtung, die mir gefällt. Wahrscheinlich ist der Jugendbereich, gerade der Bereich in dem noch am wenigsten passiert aber eigentlich ganz viel passieren sollte. Denn in der Jugend wird der Grundstein für eine erfolgreiche erste Mannschaft gelegt. Ich bin mir sicher, dass auch die Bereitschaft sehr groß sein wird. Ich finde es außerdem gut, dass ihr die Kids wieder vom PC zurück auf den Fußballplatz holt und wirklich alle mitnehmt. Viele Vereine haben ja das Problem, dass die über 15-Jährigen mit dem Fußball aufhören. Ich bin mir sicher, dass Talento Today dieser Zielgruppe neue Motivation und auch Anreize bieten wird.

TT  Nun gibt es aber auch viele Digitalisierungskritiker. Was entgegnen Sie ihnen?

BW Erstmal würde ich sie beruhigen. Es gibt so viele Elemente im Fußball, die man bewahren muss. Das Spiel soll ja auch noch in fünfzig Jahren 90 Minuten gehen. Ich bin auch strikt gegen Werbeunterbrechung und die zu starke Kommerzialisierung, wie man sie zum Beispiel bei US-Sportarten wie Basketball oder Football sieht. Meine Philosophie ist folgende: Das Spiel an sich wollen wir nicht verändern. Mit Technologie wollen wir das Erlebnis Fußball besser machen.

TT  Zum Abschluss eine Frage, die in eine ähnliche Richtung geht. Neben der Digitalisierung ist auch die Internationalisierung von Fußballvereinen ein Thema. Müssen Vereine zwangsläufig ihre Tradition gegen den Fortschritt eintauschen?

BW   Ich würde nein sagen. Jeder Verein muss für sich seine Grundwerte definieren, für die er steht. Das Rad muss man nicht neu erfinden, um zum Beispiel seine Marke auf dem US-Markt oder in China populärer zu machen. Im Gegenteil: Ich glaube die amerikanischen und chinesischen Fußballfans heißen unsere Werte gut und wollen Teil dieser Tradition werden. Was aber glasklar ist: Die Internationalisierung ist nicht nur finanziell attraktiv, sie ist ein Muss für jeden Verein aus der Bundesliga, um im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Premier League hat es vorgemacht. Nun liegt es an den Sportdirektoren in Deutschland nachzuziehen.