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INTERVIEW: Peter Hyballa – Profitrainer bei DAC Dunajska Streda

Wenn Peter Hyballa interviewt wird, geht es meistens um seinen ehemaligen Schützling und Fußballweltmeister Mario Götze. Wer mehr zu diesem Thema erfahren möchte, hat sich leider den falschen Blog ausgesucht, sorry. Uns interessiert die unglaubliche Erfahrung und das Fachwissen von Peter Hyballa: Kaum einer kann von sich behaupten, sowohl im Jugend- als auch im aktiven Profibereich so viele, verschiedene Teams trainiert zu haben. Ob VfL Wolfsburg, Bayer 04 Leverkusen, Borussia Dortmund, NEC Nijmegen oder jetzt DAC Dunajska Streda. Überall setzte Peter Hyballa auf die „Dribbler“.Wir haben uns mit ihm getroffen und unter anderem über den Niederländischen Fußball, Talento Today und den DFB gesprochen.

TT  Peter, ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich stehe noch total unter dem Einfluss des 4:1 Erfolgs von Ajax Amsterdam im Santiago Bernabeu. Viele hat die Stärke der Amsterdamer überrascht, dich natürlich nicht, als Eredivisie-Experte und Ex-Trainer des NEC Nijmegen?

PH (lacht) Naja, was heißt nicht überrascht? Also, dass sie nach Madrid fahren und dort Real mit 4:1 zerlegen, das hätte ich auch nicht erwartet. Aber natürlich war mir klar, dass die Jungs in diesen zwei Spielen richtig Bock auf Fußball haben. Die Truppe war sehr mutig, ist richtig draufgegangen und wurde schlussendlich mit einem tollen Ergebnis belohnt, das freut mich sehr.

TT   Bei Ajax Amsterdam stach vor allem Dusan Tadic heraus: Zwei Vorlagen und ein wunderschönes Tor von einem Mann, der mittlerweile 30 Jahre alt und im Sommer für nur 11,5 Millionen zu Ajax gewechselt ist. Für die heutige Zeit eine fast schon lächerliche Ablöse für einen Spieler dieser Qualität. Wie kann es sein, dass so ein Spieler jahrelang so weit unter dem Radar der Europäischen Spitzenklubs geflogen ist?

PH Tadic ist natürlich ein richtig geiler Spieler. Nicht nur gegen Real hat er seine Klasse gezeigt. Die zeigt er auch in der Liga und auch gegen den FC Bayern hatte er einige gute Aktionen. Man muss auch sagen, dass der Kerl nicht unbedingt an der schlechtesten Adresse gespielt hat die letzten Jahre. In der Premier League bei Southampton ist er auch immer mal aufgefallen und gehörte jede Saison zu den besten Spielern dort. Bei Spielern wie Dusan Tadic ist es aber so: Der Junge ist ein Dribbler, spielt gerne mit dem Feuer und geht volles Risiko. Solche Spieler machen das Spiel zwar schön, wirken aber für sehr viele Trainer abschreckend. Die meisten Trainer heutzutage sind auf Sicherheit bedacht, auf Zonen, auf taktisches Verschieben. Da ist für Individualisten wie Tadic nur selten ein Platz. Zu Ajax und zum Trainer Erik ten Hag passt er perfekt. Der ist mit Ajax gegen das große Real Madrid volles Risiko gegangen. Selbst nach der 3:0 und 4:1 Führung ging es weiter nach vorne, als sich jeder Zweite vor dem Fernseher dachte: „Was wollen die denn noch? Warum konzentrieren sie sich nicht auf die Defensive?“. Wenn du als Spieler wie Tadic so einen Verein und Trainer findest, kannst du nur explodieren!

TT  Die holländische Liga hat zu Recht den Ruf einer Ausbildungsliga. Tolle Spieler sind dort entdeckt worden. Ist deiner Meinung nach, die erste und zweite Liga in den Niederlanden für jeden deutschen Jugendspieler, der es vielleicht nicht in den Profikader eines deutschen Vereins schafft, eine Option? Mark Uth und Robin Gosens haben es ja vorgemacht.

PH  Grundsätzlich sind die Niederlande ein gutes Sprungbrett für Talente. Aber ich finde es sehr schwierig Karrieren zu vergleichen und anhand anderer Beispiele, Spielern etwas zu raten. Jeder muss für sich persönlich entscheiden, wo die Reise hingeht und wo man sich wohl fühlt. Ich bin dagegen, dass junge Spieler aus ihrem Umfeld gerissen werden. Ein Internat ersetzt keine Familie. Gosens zum Beispiel hat es richtig gemacht: Er ist zur Jugend von Vittesse Arnheim gewechselt. Arnheim war 40km von seiner Heimat entfernt. So konnte er gleichzeitig seine Fußballkarriere voranbringen, ohne den Halt von Familie und Freunden zu verlieren.

Jedes Profil, was es auf eurer Plattform gibt, bringt den Profivereinen einen Mehrwert!

TT   Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in Deutschland Profivereine im Jugendbereich immer wieder auf Spieler setzen, die physisch ihren Altersgenossen etwas voraus sind. Wird deiner Meinung nach das „falsche Talent“ gefördert?

PH  Ich glaube, die Profivereine setzen die Anreize für Scouts und Trainer falsch. Deine Feststellung ist richtig. Wenn du als 13-Jähriger zwei Köpfe größer bist als der Durchschnitt, dann hast du sehr gute Chancen in der Abwehr eines Profivereins zu landen. Das liegt aber daran, dass Jugendtrainer an ihrem kurzfristigen Erfolg im Nachwuchsleistungszentrum gemessen werden. Man steht als junger Trainer unter dem Druck, die besten Turniere zu gewinnen und die eigene Liga zu dominieren. Da lassen sich die Trainer natürlich dazu verleiten, diese  Spieler zu verpflichten obwohl sie wissen, dass der Junge in zwei, drei Jahren diesen körperlichen Vorteil so nicht mehr haben wird. Es zählt das Hier und Jetzt. Da gewinnt der Riese natürlich alle seine Zweikämpfe, weil er einfach körperlich stärker ist.

TT  Bei Talento Today wollen wir mit unserer App die „Spieler“ und „Dribbler“ frühzeitig entdecken und fördern. Wir lassen die Kids dafür beispielsweise Spielformen wie das 3 gegen 3 auf kleine Tore spielen und filmen sie dabei. Ist das der richtige Weg?

PH  Definitiv. Diese kleinen Spielformen sind auch mit die wichtigsten Übungen, die aus den Kindern bessere Fußballer machen. Im 3 gegen 3 auf kleine Tore kannst du dich nicht verstecken. Du musst immer präsent sein und Lösungen suchen. Gerade im modernen Fußball, wo jeder Gegner defensiv gut steht, brauchst du diese Spieler um ein Tor zu machen. Leute, die Lösungen auf dem Platz finden, wenn der Gegner tiefsteht sind Goldwert. Aber auch für den Trainer ist das Ding klasse. Wie oft sitze ich vor dem Video meines Spielers und realisiere, dass ich im Eifer des Gefechts eine Situation auf dem Platz  falsch gedeutet habe. Ich schaue mir die Situation nochmal mit dem Spieler gemeinsam an und analysiere sie mit ihm. Das Video hat uns Trainer im Profibereich enorm nach vorne gebracht. Daher sollte es der Basis nicht verborgen bleiben. Wir wollen doch die Qualität im Amateurbereich steigern, um noch bessere Spieler in der Spitze zu haben, oder? Auch für die Profivereine ist das Ding wichtig. Im Jugendbereich gibt es keine Videoaufnahmen, die Anzahl der Scouts variiert zwischen Profivereinen extrem. Selbst im besten Fall gibt es nur schriftliche Berichte zu Spielern und man ist abhängig von Tippgebern. Jedes Profil, das es auf eurer Plattform gibt – die richtige Qualität und Position der Kamera vorausgesetzt – bringt einen Vorteil. Das müssen nicht gleich 10.000 Spieler sein, um einem Profiverein einen Mehrwert zu bieten.

TT   Wir werden nicht immer mit offenen Armen begrüßt. Was kann man tun, um die Stimmung an der Basis zu verbessern? Wie können wir Jugendtrainer dazu animieren, unsere App zu nutzen?

PH Widerstand gibt es bei neuen Sachen immer! Meine Philosophie ist, dass es für einen Trainer keine größere Ehre gibt, als einen guten Spieler ausgebildet zu haben. Das ist doch unsere Visitenkarte. Ich bin froh über jeden Millionär, den ich ausgebildet habe.  Das ist auch der einzige Weg, von sich als Trainer reden zu machen. Aber natürlich hast du Recht. In der heutigen Zeit fragt dich jeder: Und was habe ich davon? Ich würde mich auf die Masse der Willigen konzentrieren. Da gibt es genug Leute, die diese Philosophie teilen und verstehen. Wenn die erstmal dabei sind, werden die Motive der anderen Trainer mit Sicherheit von ihren eigenen Spielern hinterfragt. Genau da liegt auch der Vorteil: Die Spieler haben heute sehr viel mehr Einfluss als früher. Sie werden für sich immer die beste sportliche Perspektive wählen.

TT  In dieser Woche gab es einen wahren Paukenschlag. Joachim Löw hat Boateng, Hummels und Müller aus der Nationalmannschaft geworfen. Ist das der richtige Weg oder ist dir das nicht radikal genug?

PH Ich bin viel zu weit weg von der Nationalmannschaft, um die Gründe dieser Entscheidung zu kennen. Ich bilde mir meine Meinung genauso wie du und Millionen anderer Menschen als Außenstehender. Diese Besserwisserei in den Medien geht mir ehrlich gesagt auch auf die Nerven. Diejenigen, die Jogi nun kritisieren, werden ihn in zwei Wochen loben, wenn die Mannschaft ein super Spiel gegen Serbien hinlegt hat und anders herum. Persönlich denke ich, dass die Jungs sportlich gesehen noch das Zeug haben, um auf Topniveau zu spielen. Gerade, wenn sich ein Innenverteidiger verletzt, wird es bei uns doch eng. Ältere und verdiente Spieler fordern jedoch auch sehr viel. Vielleicht wäre es intern zu Problemen gekommen, wenn man einen von ihnen auf die Bank setzt? Ich kann nur spekulieren und respektiere die Entscheidung voll und ganz.

TT   Wem gehört die Zukunft im DFB-Team?

PH Da gibt es einige talentierte Leute. Deutschland wird, denke ich, auch nie ein Problem mit der Qualität haben. Dafür sind wir ein zu großes Land und Fußball ist hier mit Abstand Nationalsport Nummer 1. Leroy Sane ist saustark und für sein Alter unheimlich weit. Wie der seine Spiele abspult ist schon überragend und man kann fast nicht mehr über ein Talent, sondern einen gestandenen Spieler sprechen. Dann ist da noch Niklas Sühle, der seine Sache bei Bayern München immer besser und besser macht; Julian Brandt, einer den ich trainiert habe und damals schon klasse fand. Aus der Leverkusener Truppe gibt es auch noch Kai Havertz, der sehr interessant ist und von halb Europa gejagt wird. Auch unsere U-21 ist stark und bringt gute Leistungen. Ich mache mir keine Sorgen, was die Zukunft angeht.

TT   In einem Interview hast du davon gesprochen, dass es Trainer aus der Wildnis braucht. Kannst du nochmal erklären, was du damit meinst und uns sagen, ob wir nicht auch Spieler aus der Wildnis brauchen?

PH   Mit Trainern aus der Wildnis meine ich Leute, die alle Facetten des Trainerjobs erlebt haben. Menschen, die mit Spielern in der Regionalliga gearbeitet haben, im Nachwuchsleistungszentrum, aber auch im Ausland. Nicht die Musterschüler, die eine Lizenz nach der anderen machen und Sport studiert haben. Natürlich kritisiere ich hiermit nicht alle Sportstudenten; die haben uns auch weitergebracht mit ihrem Knowhow. Doch das Studium und das theoretische Wissen macht dich nicht automatisch zu einem guten Pädagogen. Und das bist du in erster Linie als Trainer. Die jungen Spieler, die Dribbler, von denen ich spreche, brauchen ganz viel Aufmerksamkeit, Freiheiten und Liebe. Das sind ganz sensible Wesen. Wie willst du das händeln, wenn du frisch von der Uni kommst und selbst nicht viel älter bist? Genau das gleiche sehe ich bei Spielern. Wir hatten zum Beispiel bei meinem jetzigen Verein einen Spieler aus der Elfenbeinküste, Vakoun Issouf Bayo. Der ist mit zwei Tüten zum Training gekommen – das war alles, was er besaß. Er ist in dieser Saison zu Celtic Glasgow gewechselt und ist jetzt Millionär. Für solche Erfolgsgeschichten lebe ich als Trainer.

TT  Zum Abschluss eine Frage zu dir als Trainer. DAC Dunajska Streda in der Slowakei ist dein Verein. Sportlich läuft es sehr gut, ihr seid Zweiter und spielt nächstes Jahr in der Europa League Quali. Wie ist es in der Slowakei zu arbeiten, verglichen mit deinen Stationen in Deutschland oder den Niederlanden?

PH Ich bin sehr glücklich in der Slowakei. Ich arbeite für einen tollen Verein, der über sehr gute finanzielle Mittel für den Standard verfügt. Wir haben ein modernes Trainingszentrum und ich habe alle Freiräume, die ich brauche. Natürlich ist es auch anders: Du sprichst die Landessprache nicht und musst daher alles auf Englisch machen, was aber den Vorteil hat, dass meine Sprachkenntnisse immer besser werden. Du hast eine internationale Truppe aus über 10 Nationen, da musst du sehr vorsichtig managen; jeder tickt etwas anders. Oft kriegst du auch einen Kulturschock, wenn du zum Beispiel in Stadien der Gegner fährst, die halt so gar nicht an den Standard in Deutschland erinnern. Aber alles in allem spielt man in der Slowakei sehr guten Fußball und die Qualität ist höher als man denkt. Kein Wunder, dass so viele Slowaken in europäischen Top-Ligen unter Vertrag stehen.