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INTERVIEW: Sebastian Kneißl – Ehemaliger Fußballprofi des FC Chelsea London

Die Lebensgeschichte von Sebastian Kneißl ist eine ganz besondere. Als er ein Teenager war, verglichen ihn Experten mit dem großen Lothar Matthäus. Als einer der ersten jungen, deutschen Spieler wechselte er in die Premier League zum FC Chelsea. Dort machte er die Entwicklung des Clubs von einem soliden Premier League Team, zum Weltclub mit, trainierte mit Stars wie Deschamps oder Desailly und arbeitete mit Trainerlegenden wie Claudio Ranieri und Jose Mourinho zusammen. Im Interview erzählt er uns seine spannende Geschichte, führt uns hinter die Kulissen des FC Chelsea London und berichtet über die Zeit nach seiner aktiven Karriere.

TT  Wie alt warst du, als du mit dem Fußball angefangen hast? Warst du von Anfang an sehr ehrgeizig oder wurde aus Spaß einfach irgendwann Ernst?

SK  Ich habe tatsächlich bereits mit drei Jahren angefangen Fußball zu spielen. Und genau wie du es in deiner Frage schon erwähnst, stand ganz zu Beginn nur der Spaß am Sport im Vordergrund. Spätestens mit der Berufung in die U-15 Nationalmannschaft, wurde aus Spaß dann aber auch Ernst.

TT  Deine erste größere Station war die Frankfurter Eintracht.  Wie konntest du dich fußballerisch so schnell weiterentwickeln, dass der FC Chelsea auf dich aufmerksam wurde? Wurden damals schon Vergleiche zwischen dir und anderen Profis gezogen?

SK Ich würde gar nicht sagen, dass ich unbedingt in verschiedenen Bereichen so sehr besser geworden bin. Es wurde alles nur etwas professioneller. Viele Tore habe ich schon immer geschossen und das war letztendlich auch meine größte Stärke. In dieser Zeit wurde ich tatsächlich schon mit anderen Spielern verglichen. So schrieb eine große Tageszeitung vom neuen Lothar Matthäus.

TT Wie hat der FC Chelsea dich entdeckt?

SK Das erste Interesse aus England gab es nach meinem U-15 Länderspiel gegen die Türkei. Im Nachhinein betrachtet ziemlich komisch, da ich gerade in diesem Spiel ein paar richtig gute Chancen liegen gelassen hatte. Nach dem Spiel kam man dann auf mich zu und sagte mir, dass man sich nicht so sehr dafür interessiere, dass ich die Chancen vergeben habe, sondern viel mehr dafür, wie ich diese erarbeitete. Dazu muss ich noch erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt auch schon einen Spielerberater hatte, der vorher schon den Wechsel von Thierry Henry nach England eingefädelt hatte. Er konnte mit seinem Netzwerk natürlich auch einiges in diese Richtung bewegen.

Als ich mich umdrehte erkannte ich ihn: Didier Deschamps! Er hatte mich offensichtlich mit jemandem verwechselt. 

TT    Gab es damals auch andere Optionen ? Warum gerade Chelsea?

SK Oh ja, sogar mehrere. Unter anderem waren es der FC Barcelona,  Ajax Amsterdam und Lazio Rom. Die Entscheidung ist mir jedoch nicht wirklich schwer gefallen: Ich spreche weder Spanisch, noch Niederländisch oder Italienisch. Mein Schulenglisch war dagegen ziemlich gut (lacht), naja eigentlich so lala, aber die Faszination Premier League war damals schon bei mir da. Deshalb war für mich nach der Kennenlernwoche in London alles klar!

TT    Wie lief dein Beginn in London? Warst du eher ein ruhiger Typ oder hast du das Klischee des Youngstars erfüllt?

SK Ich muss ehrlich zugeben, dass ich schon das klassische Klischee eines jungen Talents war. Schönes Auto, schöne Uhr und alles, was dazugehört. Heute kann ich mein damaliges Verhalten natürlich ganz anders einschätzen. Ich war im Endeffekt einfach nur sehr unsicher und habe versucht das mit Coolness und Arroganz zu überspielen. Ich sagte mir immer wieder: Das wird schon werden, das schaffe ich schon. Im Nachhinein ein großer Fehler.

TT    Wie haben die großen Stars auf dich reagiert?

SK Dazu habe ich eine kurze Anekdote (lacht). An meinem ersten Tag bei Chelsea bin ich auf die Trainingsanlage gekommen und wusste nicht so genau wohin. Ich blieb für einen kurzen Augenblick stehen und fragte mich, welchen Weg ich nehmen sollte. In diesem Moment springt mir plötzlich ein unbekannter Mann auf den Rücken und zerstört mir die komplette Frisur. In mir dachte ich: „Was ist denn das für ein Depp?“. Als ich mich umdrehte, erkannte ich ihn: Didier Deschamps! Er hatte mich offensichtlich mit jemandem verwechselt. Er war aber relativ gut darin, das Ganze zu überspielen und fragte, ob ich neu sei. Er bot mir danach sogar seine Hilfe an; eine Erfahrung, die ich in der ganzen Zeit beim FC Chelsea gemacht habe. Die großen Stars waren sehr bodenständig und haben den jungen Spielern geholfen, wo sie nur konnten. Leider habe ich das nicht intensiver genutzt und mehr Fragen gestellt. Von ihnen konnte ich Einiges lernen.

TT Wer war der beste Spieler, mit dem du trainieren durftest?

SK Es gab schon einige sehr gute Spieler damals in Chelseas Kader: Neben dem bereits erwähnten Deschamps, war da auch Desailly, dem ich in meiner Anfangszeit bei Chelsea die Schuhe putzen musste. So war das damals Brauch. Jedem Profi wurden zwei Spieler aus der Reserve zugeordnet. Aber für mich war der beste definitiv Frank Lampard! Er war schon in jungen Jahren ein sehr guter und reifer Spieler. Am meisten faszinierte mich aber seine mentale Stärke. Ihm war bewusst, dass er trotz seines großen Talents hart arbeiten musste und so hat er sich in jedem einzelnen Training vorbildlich benommen und mehr als 100% Einsatz gezeigt.

TT  Leider hast du den Sprung beim FC Chelsea nie geschafft. War zum Zeitpunkt, als du London verlassen hast, die Luft bei dir schon etwas raus?

SK  Noch nicht ganz, ich hatte auch sehr viel Pech in der Zeit bei Chelsea . Ich kam als vielversprechendes Talent und der damalige Coach Gianluca Vialli war überzeugt von mir. Er sagte, dass ich ihn an ihn selbst erinnern würde. Er schenkte mir sogar sein Trikot, welches er getragen hat, als er den UEFA Cup gewann. Leider wurde er nach nur acht Wochen entlassen. Anschließend  unter Claudio Ranieri wurde mir sogar ein Platz im Kader der Profimannschaft zugesagt. Wenig später wurde aber Damien Duff per Transferrekord zu den Blues geholt. Ranieri konnte nicht anders, er musste Titel gewinnen und schickte mich zur Reserve. Nach meinen Leihen nach Schottland und Belgien kam dann alles zusammen: Roman Abramowitsch kaufte den Club, krempelte alles um, holte Jose Mourinho und acht hochkarätige Spieler. Ich wechselte nach Burghausen und wollte es ehrlicherweise nochmal versuchen. Aber obwohl ich sehr gut trainierte, ließ mich der Trainer nicht spielen. Das war der Moment, als einfach alles zu viel wurde. Ich hatte zu viele harte Schläge abbekommen und fing an das Spiel, das ich einst so liebte, zu hassen. Wenig später habe ich einen Schlussstrich gezogen und meine Karriere beendet.

TT  Du hast nach deiner Karriere als Streetworker für den FC Chelsea gearbeitet. Erzähl doch mal mehr darüber.

SK  Ja, das ist richtig. Ich habe auf der Straße in den Problembezirken Londons Jugendliche trainiert. Das war schon eine besondere Erfahrung für mich. Vor dem Training mussten die Jungs immer ihre Taschen leeren. Oftmals befanden sich darin Messer, Schlagringe, aber auch andere Waffen. Einmal gab es sogar eine Pistole. Die Jungs sahen mein entsetztes Gesicht und mussten lachen. Für sie war das Alltag. Während eines Trainings kamen einige vermummte Personen, wahrscheinlich Jungs aus einer verfeindeten Gang und schlugen wild auf meine Spieler ein. Einschreiten durften wir damals nicht. Gott sei Dank ist nie jemand ernsthaft zu Schaden gekommen, bis auf einen Jungen, der tragischerweise auf den Straßen Londons erschossen wurde. Die Arbeit hatte aber auch positive Seiten: Wir gaben den Jungs ein neues Zuhause, auch wenn nur für kurze Zeit. Sie konnten beim Kicken alles vergessen. Einer von ihnen hat es sogar bis ganz nach oben geschafft: Michail Antonio. Er spielt heute in der Premier League bei West Ham United.

TT  Heute bist du Fußballkompetenztrainer. Erzähl doch bitte kurz, was genau das ist und warum dir das so wichtig ist.

SK Ich coache und unterstütze Spieler zwischen 16 und 22 Jahren. Die Leistung auf dem Platz ist auch von verschiedenen Komponenten abhängig, die jetzt nicht direkt mit Fußball an sich zu tun haben: Mentaltraining ist ein Bestandteil davon, auch kommunikative Fähigkeiten auf und außerhalb des Platzes sind wichtig. Ich versuche auch den Bereich „Führungsqualitäten“ mit meinen Spielern zu bearbeiten. Da geht es auch um die Frage: „Wie führe ich mich selbst?“. Ich bin mir sicher, dass die Leistung auf dem Platz besser wird, wenn ein Spieler diese Kompetenzen für wichtig hält und auch an ihnen arbeitet.

TT   Was denkst du über Talento Today und unsere Digitalisierung des Jugendfußballs?

SK Eure Herangehensweise ist hochmodern, innovativ und total up to date. Ihr helft gleich mehreren Akteuren im Jugendfußball: Nämlich den Scouts, den Jugendtrainern und den Spielern selbst. Ihr helft dabei qualitativ hochwertiges Videomaterial von Jugendspielern zu schaffen, zu sammeln und den verschiedenen Akteuren – seien es nun Scouts, Trainer oder Spieler – einfach zugänglich zu machen. Eine solche Plattform gibt es im Jugendbereich noch nicht. Deshalb ist euer Projekt so spannend und wird es Scouts mit Sicherheit ermöglichen, ein paar Rohdiamanten zu entdecken.

TT   Du hattest vor ein paar Tagen Geburtstag und sprachst über deine zweite Lebenshalbzeit. Was planst du für die Zukunft?

SK  In der ersten Halbzeit war ich Fußballspieler, das hat mir großen Spaß gemacht und ich durfte einige tolle Erfahrungen sammeln. Darauf folgte eine kurze Halbzeit, in der ich all die Eindrücke, die auf mich eingeprasselt sind, verarbeiten und analysieren konnte. Nun bin ich topmotiviert für die zweite Halbzeit und möchte mit Vollgas junge Fußballspieler erfolgreich machen. Speziell unterstütze ich sie zu einzigartigen Persönlichkeiten zu reifen, begleite ihren Weg als wichtigen Ansprechpartner und helfe ihnen dabei eine erfolgreiche Karriere zu haben. Ganz nebenbei bauen wir gleichzeitig ein zweites Standbein auf, um für den Fall der Fälle abgesichert zu sein.  Das ist meine Philosophie und Vision für die Zukunft.